Rückblick auf das PLANSPIEL des BVB beim Zusammen Leben Festival Stuttgart, am 19.Juni 2026
„Von der Idee zum Projekt – was und wen braucht es?“
Einen unterhaltsamen und zugleich fachlich fundierten Beitrag zum „Zusammen Leben Festival“ in Stuttgart gestaltete der Bundesverband Baugemeinschaften e.V. am Abend des 19. Juni 2026 in den Wagenhallen. Nach dem offiziellen Programm des Fachtags wurde der Veranstaltungsraum Dundu zur Bühne für das Planspiel „Von der Idee zum Projekt – was und wen braucht es?“
Rund 30 Gäste verfolgten über eine Stunde lang mit viel Interesse, Zurufen und einigen Lachern den Weg einer fiktiven Baugemeinschaft – von den ersten Gesprächen bis zur Vertragsunterzeichnung. Durch das Spiel führte Benjamin Zeeh (Vorstand des Bundesverbandes und Wohnprojektentwickler „stadtblau“), kommentiert von Marion Kempe (Vorstand des Bundesverbandes und Geschäftsführerin bauforum dresden.de) als „Stimme aus dem Off“.
Schon beim ersten Treffen der spontan gebildeten Baugruppe wurde deutlich: Gute Ideen allein reichen nicht. Unterschiedliche Wünsche, offene Fragen und Unsicherheiten gehören von Anfang an dazu. Genau hier kommt die professionelle Begleitung ins Spiel.
Die Projektlotsen
Als Konzeptberaterin (Baubetreuerin) erläuterte Ulrike Pelz von Stattbau Hamburg, wie Gruppen auf ihrem Weg unterstützt werden – von der Entwicklung einer gemeinsamen Vision über die Wahl der passenden Rechtsform bis hin zu Finanzierung, Fördermöglichkeiten und Eigenleistungen. Denn bevor Banken oder Architekturbüros eingebunden werden, müssen zunächst die Ziele und das Konzept innerhalb der Gruppe geklärt sein.
Im nächsten Schritt stand die Grundstücksfrage im Mittelpunkt. Elke Seipp, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes und Leiterin der Agentur für Baugemeinschaften Hamburg, zeigte am Beispiel Hamburgs, wie Kommunen gemeinschaftliche Wohnprojekte aktiv fördern können: durch Beratungsangebote, Öffentlichkeitsarbeit, Reservierung städtischer Grundstücke sowie Konzeptvergaben und Förderprogramme für Baugemeinschaften.
Planung und Finanzierung
Und wer plant das Gebäude? Als die Baugruppe überlegte, direkt eine Baufirma oder einen Bauträger anzusprechen, meldete sich Hans Peter Hebensberger-Hüter (H2R Architekten, München) mit einem augenzwinkernden Einwand: „Dafür gibt es doch Architekturbüros!“ Anschaulich erläuterte er die Rolle der Architektinnen und Architekten als unabhängige Partner einer Baugruppe – von der ersten Idee bis zur letzten Bauabnahme. Durch das Büro wird die Gruppe bereits in den ersten Leistungsphasen mit den Baukosten konfrontiert – die Kostenberechnungen sind Basis der Finanzierung. Fazit von Hebs: Die Investition in erfahrene Architekt:innen zahlt sich aus, weil gute Planung Kosten spart und Qualität sichert.
Auch die Finanzierung durfte nicht fehlen. Matthias Winkler von der UmweltBank erklärte, welche Voraussetzungen ein Projekt erfüllen muss, damit eine Finanzierung bis zur Fertigstellung tragfähig bleibt. Ergänzend wurden die Aufgaben des Notariats vorgestellt – von Grundstückskauf und Rechtsform bis zur Grundschuldbestellung. Auch hier gilt: Es erleichtert den gesamten Prozess wenn Fachpersonen beauftragt werden, die das Prinzip des Gemeinschaftlichen Wohnens kennen und unterstützen.
„Ich krieg die Krise!“
Natürlich blieb auch die unvermeidliche Projektkrise nicht aus: steigende Baukosten, ein unerwartet hoher Grundwasserstand und der Ausstieg einer Familie sorgten für Aufregung. Doch gerade hier zeigte das Planspiel, was gemeinschaftliche Projekte auszeichnet: Probleme werden gemeinsam gelöst. Die Konzeptberatung moderiert den Entscheidungsprozess, ddas Architekturbüro entwickelt Einsparvarianten, die Kommune unterstützt im Rahmen der Wohnraumförderung, die Bank sucht nach Finanzierungslösungen und die Baugruppe entscheidet gemeinsam über den weiteren Weg.
Ende gut alles gut
Das Fazit des Abends war eindeutig: Gemeinschaftliche Wohnprojekte entstehen nicht zufällig. Sie brauchen engagierte Menschen, gute Rahmenbedingungen und ein Netzwerk kompetenter Partnerinnen und Partner. Genau dafür setzt sich der Bundesverband Baugemeinschaften e.V. ein – durch Vernetzung, fachlichen Austausch, politische Interessenvertretung und die Stärkung der Beratungsstrukturen für gemeinschaftliches Wohnen.
Workshop zum Thema „Raum zwischen den Wohnungen“
Am 20.Juni im öffentlichen Teil des Festivals gestalteten die Mitglieder des Bundesverbandes Sven Grüne und Norbert Post vom Büro postwelters + partner- Architektur Stadtplanung aus Dortmund einen Workshop zum Thema „Raum zwischen den Wohnungen“. Der BVB spielte damit ein originäres Thema seiner Mitglieder: Passgerechte Planung für Baugemeinschaften – Architektur als Mehrwert in Projekten.
Trotz der schon komplexen gesellschaftlichen und technisch/wirtschaftlichen Herausforderungen der Realisierung eines gemeinschaftlichen Wohnprojektes lenken die Architekten Sven Grüne und Norbert Post (postwelters + Partner, Architektur & Stadtplanung) in ihrem Workshop den Fokus auf den Einfluß der Architektur auf das Zusammenleben. Im Einzelnen geht es um die Elemente der Architektur, die das Verhalten ihrer Bewohner*innen untereinander beeinflussen, die gegenseitige Wahrnehmung und Begegnung im Wohnalltag dauerhaft bestimmen .
Anhand von Fotobeispielen der Moderatoren und Wohnerfahrungen der Teilnehmenden diskutieren über 40 Gäste des Workshop ihre Erfahrungen mit dem Einfluss der Wohnbau-Architektur auf das soziale Verhalten und die Entwicklung von Gemeinschaften unter Kindern, Familien, Alleinlebenden, Migranten und Menschen mit Unterstützungsbedarf.
Von den Teilnehmenden des Workshop wird das Thema „Soziale Elemente der Architektur“ in Form eines Handbuches zum Nachlesen mit Anschauungsmaterial für Beteiligten an Wohnprojekten gewünscht. Der Bedarf hierzu mit geschulten Architekturbüros zusammenarbeiten zu können ist offenbar groß und wird in der Beratung wenig abgedeckt.
Die Themenbereiche „Grüne Almende“, „Soziale Almende“ und „Kommunikation am Schnittpunkt (all)täglicher Wege“ wurden von den Teilnehmenden als besonders relevant hervorgehoben.
Fazit: Die Gestaltung „sozialer Räume/Elemente“ durch Wohnprojekt erfahrene Architekt*innen als „weiche“ qualitative Faktoren bestimmt ein nachhaltiges Wohnprojekt mindestens ebenso, wie quantitativ „messbare“ Kriterien.
29.07.2026, Sven Grüne, Norbert Post